{"id":72,"date":"2016-05-05T21:54:47","date_gmt":"2016-05-05T19:54:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedankenfriedhof.at\/?p=72"},"modified":"2016-05-05T23:13:50","modified_gmt":"2016-05-05T21:13:50","slug":"der-horst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedankenfriedhof.at\/?p=72","title":{"rendered":"Der Horst"},"content":{"rendered":"<p>Nun ist es also so weit: Ich habe die Geschichte fertig geschrieben. Ich bitte den Stil zu entschuldigen, denn ich bin da in eine komische Art zu schreiben reingerutscht. Wie dem auch sei, die Geschichte tr\u00e4gt den Titel &#8222;Der Horst&#8220;:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Der Horst<\/p>\n<p>Der Horst war immer schon flei\u00dfig. Das war eine Eigenschaft, mit der er sich auch immer gerne selber identifiziert hat, der Horst. Immer, wenn ihn jemand gefragt hat, ob es ihm denn heute gut geht, mit seiner Situation, dann hat der Horst gesagt: \u201eMein Gott, ja. Eigentlich schon.\u201c Und wenn ihn jemand gefragt hat, was es denn seiner Meinung nach gebraucht hat, um dahin zu kommen, wo er jetzt ist, da hat der Horst nur geantwortet: \u201eMan muss halt flei\u00dfig genug sein, dann kann das ein jeder schaffen.\u201c Doch warum der Horst wirklich dahin gekommen ist, wo er jetzt schlussendlich angekommen ist, das hat er selber nicht mehr so genau gewusst. Er hat sich nur noch an ein paar pr\u00e4gende Erlebnisse auf seinem Weg erinnern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich hat der Horst eigentlich gedacht,\u00a0 weil er immer so sch\u00f6n flei\u00dfig ist, \u00a0&#8211; \u00a0das hat er immer geglaubt &#8211; \u00a0dass er es schon zu was bringen wird, auf dieser Welt. Das war sowas wie seine Lebenseinstellung. Ganz fr\u00fcher, als der Horst noch ein kleiner Bub war, da hat ihm sein Vater immer gesagt: \u201eHorst!\u201c, hat er gesagt, \u201eDu musst immer sch\u00f6n flei\u00dfig sein, damit auch sch\u00f6n was aus dir wird, Horst!\u201c Sch\u00f6n. Wie soll man denn eigentlich \u201esch\u00f6n\u201c flei\u00dfig sein? Das hat sich der Horst immer gefragt. Flei\u00dfig sein, in Ordnung, das kann man ja machen. Aber dann auch noch sch\u00f6n? Ob das nicht irgendwie eine Art Euphemismus ist? Ob der Horst damals, als er noch so klein war, schon gewusst hat, was ein Euphemismus ist, da ist er sich heute nicht ganz so sicher, aber der Grundzweifel an dem Ausdruck \u201esch\u00f6n flei\u00dfig\u201c, der war ganz sicher da.<\/p>\n<p>Als der Horst in die Schule gekommen ist, da ist die Frau Lehrerin bald drauf gekommen, dass der Horst zwar ein lieber Bub war, aber er sich bei den ganzen Schulaufgaben schon ein bisschen schwer getan hat. Sie hat ihn aber immer f\u00f6rdern wollen, weil sie so eine engagierte Lehrerin war. Eine Lehrerin, die, obwohl man das ja nicht so wirklich machen soll, immer eine Art Beziehung zu ihren Sch\u00fclern aufgebaut hat. Sie wollte halt wirklich, das was Ordentliches wird, aus den kleinen Menschen, deren Leben sie da so entscheidend mitpr\u00e4gen darf. Und so hat sie auch zum Horst eine Beziehung aufgebaut, eine kleine. Die Frau Lehrerin hat dem Horst immer geholfen, wenn er sich verrechnet hat und sie hat ihm auch gesagt, dass er immer viel lesen soll, dann wird sich seine kleine Rechtschreibschw\u00e4che schon geben. Weil die Lehrerin so nett war und der Horst was Gescheites werden wollte, hat er halt am Nachmittag immer mehrere Hausaufgaben gerechnet und \u00fcbers Jahr hinweg immer ein Buch extra gelesen. Ganz flei\u00dfig eben.<\/p>\n<p>Nach den ersten vier Schuljahren ist der Horst in die n\u00e4chste Schulstufe aufgestiegen. Da war dann auf einmal nicht mehr die liebe Lehrerin, die es immer honoriert hat, wenn der Horst eine Aufgabe mehr gerechnet hat, oder einen \u00fcberlangen Aufsatz geschrieben hat,\u00a0 sondern der alte, grantige Oberlehrer. Den Oberlehrer hat der Horst nie so richtig leiden k\u00f6nnen. Vielleicht ist das an seinen dicken Brillen gelegen, die so einen komischen schwarzen Rand an der Oberseite der Brillengl\u00e4ser gehabt haben. Der Rand war so dick und schwarz, dass sich der Horst immer gedacht hat, dass der Oberlehrer wahrscheinlich sein Lebtag nur b\u00f6se dreingeschaut hat. \u201eUnd wenn er einmal stirbt, der Oberlehrer, dann werden sie ihn sicher mit seinen dicken schwarzrandigen Brillen begraben.\u201c, hat sich der Horst ausgemalt. Je weiter der Horst in der Schule gekommen ist, umso schwerer hat er sich getan bei den ganzen Aufgaben, die der Oberlehrer ihm abverlangt hat. \u00a0Immer, wenn der Horst zu Hause seinem Vater gesagt hat, dass er sich so schwer tut, dann hat der immer nur geantwortet: \u201eNa, du musst halt ordentlich flei\u00dfig sein, mein Sohn.\u201c Jetzt hat der Horst nat\u00fcrlich gewusst, dass er immer \u201esch\u00f6n flei\u00dfig\u201c sein muss, aber \u201eordentlich\u201c? Kann man eigentlich unordentlich flei\u00dfig sein? Oder impliziert die Unordnung nicht ohnehin schon, dass man eben gar nicht flei\u00dfig gewesen ist? Und so hat der Horst angefangen nicht nur flei\u00dfig, sondern auch ordentlich zu sein. Er hat sich immer in der Fr\u00fch frisiert und geschaut, dass sein Hemd nicht so verknittert ist, wenn er in die Schule geht. Und alle Hefte, die er in der Schule beschrieben hat, auf die hat er so gut aufgepasst, dass\u00a0 sie niemals Eselsohren gehabt haben. Ordentlich flei\u00dfig, war er, der Horst.<\/p>\n<p>Kurz nachdem der Horst F\u00fcnfzehn geworden ist, da hat er dann die Schule fertig gehabt. Das Zeugnis, das war nicht das Beste. Besonders in Mathematik ist er nur knapp positiv gewesen, aber immerhin eben nicht durchgefallen. Als er ihm das Zeugnis \u00fcberreicht hat, der Oberlehrer, da hat er gesagt: \u201eHorst, ich habe dir wo immer es m\u00f6glich war, die bessere Note gegeben, weil du immer so sch\u00f6n ordentlich und so flei\u00dfig warst. Dein Einsatz war echt Wahnsinn.\u201c\u00a0 Da hat sich der Horst zwar einerseits gefreut, dass auch der alte, grantige Oberlehrer einen Sinn f\u00fcr seinen Flei\u00df gehabt hat, aber irgendwie haben ihn die Worte auch verwirrt. Zu den ihm so bekannten Adjektiven \u201esch\u00f6n\u201c, \u201eordentlich\u201c und \u201eflei\u00dfig\u201c, hat sich auf einmal der Wahnsinn dazugesellt. Das hat der Horst nicht so richtig einordnen k\u00f6nnen, damals mit f\u00fcnfzehn, als der die Schule fertig gehabt hat. Denn immerhin ist er jetzt mit \u201eordentlich sch\u00f6n flei\u00dfig sein\u201c bis dahin gekommen, wo er war und er war eigentlich gar nicht so ungl\u00fccklich damit. Also hat der Horst das mit dem Wahnsinn gleich wieder verdr\u00e4ngt und hat sich gefreut, endlich einen Beruf lernen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Bald schon, da hat der Horst eine Lehrstelle bei einem Kunsttischler gefunden. Das hat ihm gleich imponiert, wie der alte Tischlermeister da in der Werkstatt gestanden ist und mit seinen Werkzeugen kunstvolle Verzierungen und Reliefs in das Holz gezaubert hat. Am ersten Tag der Ausbildung hat der Horst dann geh\u00f6rt, dass er nicht alleine beim alten Tischlermeister lernen wird, sondern dass auch ein zweiter Lehrling an seiner Seite den langen Weg zum Holzverarbeitungsk\u00fcnstler beschreiten wird. Sein Name, das wird der Horst niemals vergessen, der war Jakob. Die zwei Burschen haben sich eigentlich ganz gut verstanden, der Horst und der Jakob. Doch wo der Horst sich immer treu geblieben ist und auch beim alten Tischlermeister immer ordentlich und sch\u00f6n flei\u00dfig war, da hat sich der Jakob als weniger engagiert erwiesen. Er ist in der Fr\u00fch gern mal ein paar Minuten zu sp\u00e4t gekommen, oder hat in der Mittagspause ein kleines Schl\u00e4fchen abgehalten und war dann am Nachmittag ganz verschlafen, der Jakob. Insgeheim hat sich der Horst schnell gedacht, dass der Jakob so nicht weit kommen wird, beim alten Tischlermeister. Aber der Jakob hat es verstanden, sich gut mit allen Leuten anzufreunden und der Jakob war ein irrsinnig talentierter Holzverarbeiter. In den einzelnen H\u00f6lzern hat er die Unterschiede in der Maserung wahrnehmen k\u00f6nnen, die beste Schnittrichtung herauslesen und die Eignung zur Weiterverarbeitung absch\u00e4tzen. Das hat den alten Tischlermeister m\u00e4chtig beeindruckt, sodass sogar der Horst irgendwie ins Hintertreffen geraten ist. Und das obwohl er so sch\u00f6n flei\u00dfig war und auch immer ordentlich die Werkstatt aufger\u00e4umt hat.<\/p>\n<p>Mit den Jahren, da ist der Horst immer neidischer geworden auf den Jakob. Obwohl er sich noch so sehr angestrengt hat und immer sein Bestes gegeben hat, war doch immer der Jakob, der doch so \u00fcberhaupt nicht die Ideale vom Horst erf\u00fcllt hat, der beste Lehrling im Betrieb. \u00a0Nach einigen wirklich sehr erm\u00fcdenden Monaten, als der Horst immer flei\u00dfiger geworden ist und auch immer sch\u00f6n ordentlich war, da hat er dann den Hut drauf gehaut. Und das war ganz w\u00f6rtlich zu verstehen. Er ist zum Jakob hingegangen und hat im mit voller Wucht seine sch\u00f6ne wei\u00dfe Tischlerkappe ins Gesicht gepfeffert. \u201eZack!\u201c Ganz kurz, hat der Horst eine echte Befriedigung gef\u00fchlt. Er ist sich stark und gerecht vorgekommen. Aber nur ganz kurz. \u201eHorst!\u201c, hat ihm der alte Tischlermeister von hinten direkt ins Ohr gebr\u00fcllt, \u201eHorst, das war absolut unn\u00f6tig!\u201c Und weil der Tischlermeister Gewalt irgendwie immer schon verabscheut hat und Neid und Missgunst sowieso und weil er ein ganz ein guter Menschenkenner war und den Horst eigentlich schon immer gut einsch\u00e4tzen hat k\u00f6nnen, da hat er den Horst einfach rausgeschmissen. \u201eBumm!\u201c Die T\u00fcr des Betriebs ist hinterm Horst ins Schloss gefallen und auf einen Schlag war es aus mit seiner Kunsttischlerlaufbahn. In diesem Moment hat sich der Horst ungerecht behandelt gef\u00fchlt. Nur weil er einmal die Fassung verloren hat, obwohl er die ganze Zeit \u00fcber so flei\u00dfig war und immer alles gemacht hat, was man von ihm verlangt hat, da ist er trotzdem so behandelt worden. Ungerecht.<\/p>\n<p>Dann ist er die Stra\u00dfe runtergegangen, der Horst. Er hat noch immer die Kunstischlermontur, abz\u00fcglich der wei\u00dfen Kappe angehabt und hat so vor sich hin sinniert. \u201eEs sollte sich lohnen, so richtig flei\u00dfig zu sein.\u201c, waren ungef\u00e4hr die Gedanken vom Horst in diesem Moment. \u201eEs kann doch nicht so verkehrt sein, wenn man immer sein Bestes gibt und die Dinge, die eine obere Instanz anschafft, so gut wie m\u00f6glich ausf\u00fchrt. Fr\u00fcher hab ich doch auch mit Flei\u00df die Lehrer beeindrucken k\u00f6nnen.\u201c Auf einmal hat sich der Horst allein gelassen gef\u00fchlt. Eine tiefe Unsicherheit hat ihn da befallen. Er war sich gar nicht mehr sicher, welche Ideale er nun f\u00fcr richtig halten soll und ob diese komischen Adjektive \u201eflei\u00dfig\u201c\u00a0 und \u201eordentlich\u201c, die sein ganzes Leben bestimmt haben, auch wirklich so gut mit dem \u201esch\u00f6n\u201c zusammenpassen. Den \u00a0Wahnsinn, den der grantige Oberlehrer ihm am letzten Schultag im Zusammenhang mit seinen vertrauten \u201esch\u00f6n ordentlich\u201c und \u201eflei\u00dfig\u201c zusammen vorgetischt hat, den hat er mittlerweile vergessen gehabt.<\/p>\n<p>Als der Horst um die n\u00e4chste Ecke gebogen ist, da ist ihm gleich die Menschenmenge aufgefallen, die da gestanden ist. \u201eKomisch\u201c, hat sich der Horst im ersten Moment gedacht, \u201ewarum sind auf einmal so viele Leute auf der Stra\u00dfe?\u201c. Schon nach ein paar Schritten hat der Horst feststellen k\u00f6nnen, warum. Mitten auf der Kreuzung ist ein Mann auf einem kleinen Podest gestanden und hat geschrien. Zuerst war sich der Horst nicht sicher, ob er dem Mann \u00fcberhaut Geh\u00f6r schenken sollte, oder ob er einfach umdrehen sollte. Aber pl\u00f6tzlich ist der Horst hellh\u00f6rig geworden. \u201eFlei\u00dfig sein muss sich auszahlen!\u201c, hat der Mann da gerufen. Das hat dem Horst sofort gefallen und so hat er sich entschlossen, doch ein bisschen hier zu bleiben und dem Geschrei des Mannes ein bisschen zu lauschen. Obwohl sich der Horst gedacht hat, dass der Mann ein bisschen lustig aussieht, mit seiner seltsamen Frisur. \u201eAber immerhin\u201c, hat der Horst so zu sich selbst gesagt, \u201eImmerhin schaut der wirklich ordentlich aus, frisch rasiert und sch\u00f6n frisiert und er tr\u00e4gt ein frisch geb\u00fcgeltes Hemd.\u201c Also hat der Horst ein bisschen genauer hingeh\u00f6rt und er hat seinen Ohren kaum trauen k\u00f6nnen: Der Mann hat doch wirklich die ganze Zeit von Ordnung, Flei\u00df, Tugendhaftigkeit und solchen Dingen gesprochen. Das waren doch genau die Dinge, die der Horst immer vom Vater geh\u00f6rt hat. Dann hat der Mann auch noch gesagt, wie sch\u00f6n es hier sein k\u00f6nnte, wenn alle nur recht flei\u00dfig und sch\u00f6n ordentliche B\u00fcrger w\u00e4ren, die immer allen Gesetzen folgen w\u00fcrden. Jetzt war er sich ganz sicher, der Horst, dass der Mann ihm aus der Seele spricht. Er hat sich immer weiter vorgedr\u00e4ngt, um noch n\u00e4her bei dem mysteri\u00f6sen Sprecher zu sein. Die Menge hat gekocht in Ihrer Stimmung, die der Mann da vorne so gekonnt angeheizt hat. Er hat von \u201euns\u201c gesprochen, und dass \u201esie\u201c gegen \u201euns\u201c sind. Das hat dem Horst gefallen. \u201eSie\u201c, das m\u00fcssen doch die sein, die nicht flei\u00dfig sind und sich nicht an Abmachungen halten, die keine ordentlichen Arbeiter sind und ungerechterweise trotz Faulheit immer weiter kommen im Leben. All das hat der Horst da hineininterpretiert. \u201eJa\u201c, hat sich der Horst voller Zuversicht gedacht, \u201eder Mann hat doch eindeutig recht.\u201c Und dann, als der Mann da vorne seine flammende Rede f\u00fcr mehr Ordnung und Flei\u00df beendet hat, da haben alle Leute ihm zugejubelt. Und der Horst hat mitgejubelt.<\/p>\n<p>Sein ganzes Leben lang wird er diesen Tag nicht vergessen, diese Stimmung und diese Zuversicht, die dieser Mann ausgestrahlt hat. Da hat er geglaubt, dass jetzt alles gut werden w\u00fcrde und dass ab jetzt alles gelingen w\u00fcrde. Und weil er so zuversichtlich war, da hat er gar nicht gemerkt, dass er nur ein bisschen an den Oberlehrer denken h\u00e4tte m\u00fcssen, der ihm damals schon alle diese Worte, die der Mann da vorne verk\u00f6rpert hat, zusammen auf dem Silbertablett serviert hat: \u201eordentlich, flei\u00dfig und\u00a0 mit wahnsinnigem Einsatz\u201c. Aber an das hat der Horst nicht gedacht, sondern er hat nur mit den anderen mitgeschrien. Denn der Horst hat schnell verstanden, dass man, wenn man etwas gut findet, das auch flei\u00dfig unterst\u00fctzen muss.<\/p>\n<p>So hat der Horst beschlossen, dass er jetzt, wo er doch gen\u00fcgend Zeit hat, die Ideen von diesem ordentlichen flei\u00dfigen Mann verbreiten und umsetzen kann. Um dieses bewerkstelligen zu k\u00f6nnen, hat sich der Horst am n\u00e4chsten Tag auf die Stra\u00dfe begeben und versucht, auch so sch\u00f6ne Reden zu halten. Direkt an eine Fu\u00dfg\u00e4ngerzone hat sich der Horst gestellt, dort, wo auch jeden Tag gen\u00fcgend Menschen vorbeigehen w\u00fcrden. Dann hat er angefangen zu reden. Ohne wirklich zu wissen, was er denn da sagen will, der Horst, ist er da gestanden, direkt in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone, vor einer \u00f6ffentlichen Sitzgelegenheit und hat losgesprochen. Zu Beginn war das noch recht holprig und fast ein bisschen unbeholfen, aber nach ein paar Minuten schon, hat er gemerkt, dass die meisten Leute sowieso nicht stehen bleiben, geschweige denn ihm zuh\u00f6ren.\u00a0 Also hat der Horst seine Inhalte auf ein paar einpr\u00e4gsame S\u00e4tze zusammengek\u00fcrzt und diese immer besser ausformuliert. Mit jeder Wiederholung haben sie ihm besser gefallen, diese Inhalte, und mit jedem neuen Zyklus ist er leidenschaftlicher geworden. Wie er da so gestanden ist und geredet hat, der Horst, sind mit der Zeit immer wieder Leute stehen geblieben und haben ihm zugeh\u00f6rt. Aber eines ist dem Horst schon ein bisschen komisch vorgekommen: die Leute haben ihm gar nicht zugejubelt, sondern haben eigentlich nur miteinander geredet. Deren gegenseitiges Gefl\u00fcster war gar nicht wirklich wichtig, weil es rund um den Horst herum sowieso ziemlich laut war, wie das in der Stadt halt so ist. Aber irgendwie hat sich der Horst gedacht, dass sie immer lauter werden, die Stimmen der vielen Leute, die da um ihn herumstehen. \u201eDiese Unmenschen.\u201c, hat sich der Horst gesagt, \u201e Die wissen gar nicht zu sch\u00e4tzen, was ich da sagen will. Die\u00a0 glauben, dass sie was Besseres sind, weil sie meinen Flei\u00df und meinen Einsatz gar nicht n\u00f6tig haben. Die haben ja keine Ahnung davon, wie das ist, wenn man immer flei\u00dfig ist und das niemand honoriert.\u201c<\/p>\n<p>Auf einmal haben die Menschen aufgeh\u00f6rt, zu tuscheln und haben stattdessen ihre Blicke auf den Horst gerichtet. Aber sie haben ihn nicht nur angesehen, sondern ein paar haben auch ihre Augenbrauen gehoben, haben ganz \u00fcberraschte Gesichter gemacht. Ein paar haben auch wissend gegrinst und wieder andere sind nach ein paar Sekunden einfach weitergegangen.\u00a0 \u201eWas ist blo\u00df mit den Leuten los? Ich kann das kaum nachvollziehen, was hier passiert. Dem flei\u00dfigen Mann damals haben doch immer alle zugejubelt\u2026\u201c, hat sich der Horst gedacht. Pl\u00f6tzlich hat der Horst eine Hand auf seiner Schulter gesp\u00fcrt. Ein fester Griff, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint, hat den Horst gepackt und langsam hat sich eine Gestalt neben dem Horst aufgebaut. \u201eWer das wohl ist?\u201c, hat sich der Horst gefragt. \u201eDas ist unerheblich. Ich will ihnen nur helfen.\u201c, hat die Gestalt geantwortet.\u00a0 Da ist der Horst erstarrt und sofort hat er sich die einzig sinnvolle Frage zu diesem Zeitpunkt gestellt: \u201eWie kann dieser Mann auf meine Gedanken antworten?\u201c \u201eNun.\u201c, hat der Mann gesagt,\u00a0 \u201eIhre Gedanken haben Sie aber ganz sch\u00f6n laut gedacht, die letzten paar Stunden in dieser Menschenmenge.\u201c\u00a0 Links vom Horst ist eine zweite Gestalt aufgetaucht. Dann ist alles ganz schnell gegangen: Jede von diesen Gestalten hat einen Arm gepackt und sie haben ihn zu Boden gedr\u00fcckt, den Horst. Zuerst hat er sich noch gewehrt und wollte um sich schlagen, aber bald ist ihm klar geworden, dass die Beiden da viel kr\u00e4ftiger sind als er und dass er da \u00fcberhaupt keine Chance hat. Also hat er nur noch schreien k\u00f6nnen. Aus tiefster Kehle hat er geschrien, der Horst: \u201eHilfe, Zeter, Mordio! Man will mich strafen, weil ich flei\u00dfig bin! Unrecht, Falschheit, Faulheit!\u201c\u00a0 Ganz interessiert haben die Leute wieder zugeschaut, wie der Horst von den beiden Gestalten mitgenommen worden ist. Dann war der Spuk vorbei. Die Menschen haben sich wieder zerstreut und sind wieder ihrer Tagesbesch\u00e4ftigung nachgegangen.\u00a0 Was da passiert ist, das werden sie in ein paar Tagen schon wieder vergessen haben.<\/p>\n<p>Und der Horst? Den haben sie mitgenommen. Wehren hat er sich ja nicht wirklich k\u00f6nnen, als sie ihn festgeschnallt haben. Und wehren hat er sich auch nicht k\u00f6nnen, als sie ihm die erste Spritze verpasst haben. Aber ganz kurze Zeit danach, da war auf einmal alles egal. Es hat ihm nichts mehr ausgemacht, dass seine Gliedma\u00dfen alle fixiert waren und dass er in Wahrheit gefangen war. Gedacht hat der Horst zu dem Zeitpunkt nichts mehr. Nur mit leerem Blick hat er aus dem Fenster gesehen.<\/p>\n<p>Wie lange der Horst nichts gedacht hat, das kann er heute nicht mehr sagen. Aber es muss eine ganz sch\u00f6n lange Zeit gewesen sein. Grunds\u00e4tzlich ist ihm das auch nicht so wichtig, wie lange er pausiert hat. Seit kurzem, da spricht er wieder seine gut ausformulierten einpr\u00e4gsamen S\u00e4tze. Er\u00a0 predigt wieder davon, sch\u00f6n flei\u00dfig zu sein, so wie er das auch vor dem kleinen Zwischenfall mit den Gestalten links und rechts getan hat. Und Zuh\u00f6rer hat er auch wieder, allerdings sind die alle anders gekleidet als fr\u00fcher. Sie haben jetzt komische wei\u00dfe M\u00e4ntel an und sind meistens nur zu zweit. \u201eAch was\u201c, denkt sich der Horst \u201e Hauptsache es kommen \u00fcberhaupt zwei Zuh\u00f6rer.\u201c Also k\u00f6nnte man sagen, dass er fast gl\u00fccklich war, der Horst. Manchmal, eigentlich fast t\u00e4glich, da fragt ihn einer der Zuh\u00f6rer, ob es ihm denn heute gut geht, mit seiner Situation. Und die Antwort, die der Horst gibt, die ist auch jeden Tag dieselbe: \u201eMein Gott, ja. Eigentlich schon.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSagen Sie, Herr Doktor, woran leidet dieser Mann?\u201c<\/p>\n<p>\u201eEine Flei\u00dfvergiftung hat er, der Horst\u2026\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nun ist es also so weit: Ich habe die Geschichte fertig geschrieben. Ich bitte den Stil zu entschuldigen, denn ich bin da in eine komische Art zu schreiben reingerutscht. 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